Schwester Julia Lenze

Schwester Julia wurde am 9.5.1935 als Margarete Lenze in einem kleinen Dorf am Rande des Sauerlandes geboren. Als drittes Kind w├Ąchst sie mit vier Geschwistern in einer durch und durch katholisch gepr├Ągten Familie auf, die voller Stolz ein Kind ins ferne Bayern schickt, das sich f├╝r einen Eintritt ins Kloster entschieden hat.

1953 tritt sie in den Orden der Missionsdominikanerinnen Strahlfeld in der Oberpfalz ein und beginnt ihr Noviziat im Kloster nicht weit von Roding.

1955 besucht sie ein letztes Mal das Heimatdorf, um sich von der Familie und der alten Heimat zu verabschieden, denn ein Leben in der Mission beginnt man zu dieser Zeit ohne R├╝ckfahrkarte.

Gemeinsam mit einer jungen Mitschwester schifft sie sich am 7.11.1955 in Venedig ein, um wenige Wochen sp├Ąter im damaligen Salisbury/Rhodesien anzukommen.

In den folgenden Jahrzehnten wirkt sie als Lehrerin f├╝r Hauswirtschaft und Handarbeiten auf verschiedenen Missionsstationen des Ordens. In den vielen Jahren wird Rhodesien, das 1972 als Zimbabwe Unabh├Ąngigkeit erlangt, ihr zur Heimat.

  • 1956 bis 1960 St. Joseph┬┤s Mission / Hamas
  • 1961 bis 1962 Brokenhill / Zambia
  • 1963 bis 1983 Makumbi Mission / 35 km von Harare entfernt
  • 1984 bis heute Loreto, Di├Âzese Gweru,
  • zuerst als Lehrerin, dann als Sozialarbeiterin und Leiterin eines Kinderheims f├╝r ca. 40 Kinder. Nebenher Hilfe f├╝r die Armen und Bed├╝rftigen aus der Umgebung.

    Sr. Julia tritt nach dem Erreichen des Rentenalters nicht in den Ruhestand, denn die politische, wirtschaftliche und soziale Situation im unabh├Ąngigen Zimbabwe verschlechtert sich gerade am Ende des Jahrtausends rapide. Die Aids-Pandemie rafft eine ganze Generation von Eltern dahin und zerst├Ârt die Familienstrukturen.

    Ein Land, das in den siebziger Jahren hoffnungsvoll  in die Unabh├Ąngigkeit von England aufbrach und in den folgenden Jahren als ÔÇÜKornkammerÔÇÖ Afrikas zu bescheidenem Wohlstand gelangte, liegt heute am Boden. Die Bev├Âlkerung leidet unfassbare Not.

    Diesem Elend ist Sr. Julia ÔÇô heute in ihren Siebzigern - mutig entgegen getreten; sie sorgt f├╝r ÔÇÜihre KinderÔÇÖ und gibt die Hoffnung nicht auf, dass Gott auch ihr geplagtes Land eines Tages wieder in eine bessere Zukunft f├╝hren wird.

     

     

    Reisebericht Sr. M. Julia

    Der folgende Reisebericht entstand 1955 und beschreibt die Eindr├╝cke der jungen Schwester Julia auf ihrem Weg nach Salisbury

    J.M.D.C.

    Euch meinen unverge├člichen Angeh├Ârigen einen kleinen Bericht ├╝ber unsere Missionsreise nach Salisbury (jetzt Harare) in Rhodesien (jetzt Zimbabwe).

    ÔÇ×Herr, hier bin ich um Deinen Willen zu tun, la├č mich Dein sein auf ewig!ÔÇť

    So beteten meine zitternden Lippen am 12 September (1955), dem gro├čen Tag unserer Gel├╝bdeablegung. Zudem feierten wir auch das Namensfest unserer lieben Himmelsmutter, deren Schutz wir ja ganz besonders anvertraut sind.

    Der hochw├╝rdige Pfarrer Schlagbauer hielt die Festpredigt. Er begann mit folgenden Worten: ÔÇ×Gott hat sie gerufen, von Ewigkeit her hat er an sie gedacht. Gott will, da├č sie in diesem heiligen Stand ihm dienen. Auch sie sind im Heilsplane Gottes eingerechnet, darum sollen sie ihm danken mit einem Magnificat im Herzen.ÔÇť

    Du Herr hast mich hingef├╝hrt durch all die Jahre jetzt, bis an den Altar Gottes. Ich bin bereit f├╝r diesen Ruf und ich will mich dir schenken.

    Er gab uns die Muttergottes zum Vorbild, weil sie so klein war und gar nichts au├čerordentliches in ihrem Leben getan hat. Sp├Ąter wurde sie dann gerade wegen ihrer Demut die K├Ânigin des Himmels und der Erde.ÔÇŁ

    In meinem Herzen ergo├č sich folgendes Gebet: ÔÇ×Siehe, ich bin eine Magd des Herrn. Ja Heiland, mein Br├Ąutigam, la├č mich die kleinste sein, die Geringste unter allen, damit ich m├Âge dir und Maria stets gefallen. Doch Herr, ich kann nichts ohne Dich, komm und besch├╝tze mich , Maria dies erfleh┬┤ f├╝r mich.ÔÇť

     

    Heimaturlaub...

    Nachdem nun die drei Br├Ąutchentage vorbei waren, mu├čten wir uns f├╝r den Heimaturlaub r├╝sten. Meine liebe Mutter, die an meiner Professfeier teilgenommen hatte, war ├╝bergl├╝cklich und stolz zugleich, weil ich mit ihr die Reise machen durfte. Es war ein regnerischer Tag und ausgerechnet jetzt hatte ich unsere Regenschirme im Kleiderschrank h├Ąngen lassen.

    Immer n├Ąher ging es dann meinem Heimatd├Ârfchen zu. Immer wieder kam mir der Gedanke - was wird mein Papachen sagen, wenn er mich als Schwester sieht. Denn dieses war ja nur noch sein einziger Wunsch, da er ja nie Gelegenheit gehabt hatte, mich in Strahlfeld zu besuchen.

    N├Ąher und n├Ąher ging es meinem Heimatd├Ârfchen Drewer zu. Schon winkten mir von ferne die D├Ącher und B├Ąume entgegen. Wie ich aus dem Zug stieg, stand dort meine Schwester am Bahnhof. Zehn Minuten sp├Ąter stand ich vor meinem lieben Elternhaus, welches ich bald f├╝r immer verlassen sollte. Begleitet von meinen kleinen Cousinchen und einigen Nachbarskindern trat ich ein. War das ein freudiges Wiedersehen mit meinem kranken Vater. Es war ja das erste mal, da├č er mich als Schwester sah. Am ersten Sonntag in meinem Heimatdorf wurde mir eine gro├če Freude bereitet. Das Hochamt wurde n├Ąmlich zu Ehren unseres hl. Vaters Dominikus gefeiert.

    Ja ├╝berall gab es ein frohes Wiedersehen und H├Ąndedr├╝cken. Ich wurde von vielen bestaunt und bewundert, ja sogar von machen f├╝r verr├╝ckt erkl├Ąrt. Woher kam das? War es die wei├če Ordenskleidung, die bei uns im Dorf noch etwas unbekannt war - oder weil ich den Mut hatte, einen anderen weg einzuschlagen, n├Ąmlich mein Leben ganz dem lieben Gott in einem Kloster zu weihen? Auch die K├╝he drehten ihre K├Âpfe nach mir um, sie machten sogar Luftspr├╝nge, wenn ich ihnen auf der Strasse begegnete. Von den Hunden wurde ich fast immer bis zur Haust├╝r begleitet.

    Die erste Woche flog nur so dahin. Immer wieder neue Bekanntschaften und Begr├╝├čungen. Vor allem will ich hier noch Pater Winfried erw├Ąhnen. F├╝r unsere Dorfbewohner war es doch etwas Besonderes, nach langen Jahren wieder eine Schwester in der eigenen Gemeinde zu haben. So bereiteten sie mir am letzten Sonntag eine unvere├čliche Abschiedsfeier.

    Die Fr├╝hmesse und das Hochamt mit Predigt wurden von Pater Winfried gehalten. Am Abend um halb acht Uhr war eine Missionsandacht  mir Predigt und anschlie├čend die Abschiedsfeier. Wie soll ich all den Mitwirkenden  und Teilnehmern meinen Dank f├╝r diese sch├Ânen Stunden aussprechen? Ich kann nur eine: auch im fernen Afrika f├╝r sie beten und opfern. In den n├Ąchsten 8 Tagen hatte ich noch viel Besuch.

    Dann fuhr ich noch f├╝r zwei Tage mit meiner Schwester Elisabeth nach D├╝sseldorf. Unsere R├╝ckfahrt war an einem Mittwoch und so hatten wir das gro├če Gl├╝ck, an einer Wallfahrt teilnehmen zu k├Ânnen. Ich befahl der lieben Himmelsmutter unsere bevorstehende Reise und meine ganze Zukunft. Anschlie├čend gab es dann noch ein Abschiednehmen von meinen Lieben in Westt├Ânnen.

    Immer n├Ąher r├╝ckte der 1. Oktober heran, der Tag, an dem es hie├č: ÔÇ×Nun ade, du mein liebÔÇÖ Heimatland!ÔÇť Doch ging alles besser, als ich es mir ausgedacht hatte. Der liebe Gott gab uns allen so viel Kraft und Gnade, so dass das Abschiednehmen keine tiefen Wunden hinterlie├č.

    Am Morgen um viertel nach f├╝nf Uhr ├╝berreichte mir Pater Winfried zum letzten Mal den Leib des Herrn in meiner Heimatkirche und unser Herr Vikar gab mir den priesterlichen Segen.

    Das Kaffeetrinken war schnell geschehen, denn ich versp├╝rte kein bisschen Hunger. Dann ging ich in das Schlafzimmer meines Vaters und bat um seinen v├Ąterlichen Segen.

    Die Gef├╝hle, welche mich durchzogen beim Verlassen meines Elternhauses kann ich nicht mir Tinte aufs Papier bringen. ÔÇô Ein letztes ÔÇťLebewohlÔÇŁ zu meinen lieben Verwandten, welche noch zu Besuch bei uns waren und so ging es in Begleitung von meiner Mutter , Schwester und Bruder dem Bahnhof zu. Es dauerte nicht lange, da lief schon der Zug ein, mit dem ich noch einmal durch die heimatlichen Gefilde und durch das sch├Âne Sauerland fahren sollte. Nun folgte noch ein letztes Winken mit dem Taschentuch bis der Zug um eine Biegung fuhr und mein gutes M├╝tterlein und Schwester nicht mehr zu sehen waren.

    Wieder platschte der Regen gegen die Fensterscheiben. Doch viel schlimmer war das ÔÇ×RegenwetterÔÇť bei meinem Bruder Johannes, der mich bis Kassel weggebracht hatte. Nie werde ich das Bild vergessen k├Ânnen welches sich meinen Augen bot, als sich der Zug in Bewegung setzte und ich meinen Bruder zur├╝cklassen musste. Ich war so froh, dass ich von keinem Menschen angesprochen wurde und so lie├č ich meinen Gedanken und Tr├Ąnen freien Lauf.

     

    Zur├╝ck im Kloster...

    Erleichtert atmete ich auf und war ├╝bergl├╝cklich, dass ich am Abend wieder wohlbehalten in unserem trauten Kloster sein konnte. Nun hatte ich noch f├╝nf Wochen Zeit bis zum Antritt meiner gro├čen Reise. Es gab noch viel zu erledigen und herzurichten. Auch sollte ich in dieser Zeit noch manche freudige ├ťberraschung erleben, aber auch hier und da fest auf die Z├Ąhne bei├čen m├╝ssen. Nie werde ich den Morgen vergessen k├Ânnen, an dem unsere Novizenmeisterin mit mitteilte, da├č meine Schwester Elisabeth mich vor meiner Abreise noch einmal besuchen wollte. Ich war so gl├╝cklich, da├č ich sie am Abend vom Bahnhof abholen durfte aber auch sehr erstaunt, als ich ihre Reisebegleiterin Toni Aust sah. Denn keine hatte sich von dieser Absicht ÔÇô mich noch einmal zu besuchen ÔÇô etwas anmerken lassen, als ich zu Hause Abschied nahm. So verlebten wir noch sehr sch├Âne Stunden, machten Spazierg├Ąnge oder hielten uns im Sprechzimmer auf. Doch kam es auch immer ├Âfter vor, dass ich stundenlang keine Zeit f├╝r sie hatte, denn das Kofferpacken und noch vieles andere wartete auf meine Hilfe.

    Als wir am Freitag, den 04.11. mit so einer Arbeit besch├Ąftigt waren, kam Sr. Maria Venerabilis ins Zimmer und brachte unserer Novizenmeisterin ganz aufgeregt die folgende Nachricht: ÔÇ×Der Bruder von Sr. Mary Chrisotoma hat gerade angerufen, da├č Schwester pl├Âtzlich krank geworden ist und h├Âchstwahrscheinlich nicht mitfahren kann.ÔÇť Ich glaube, Schwester Herlinde und ich wurden blass vor Schrecken, denn sofort stiegen Berge von Fragen vor uns auf. Ja wie sollte das werden, wenn man uns zwei Kinder nun allein losziehen l├Ą├čt? Wir tr├Âsteten uns gegenseitig und vertrauten ganz auf die Hilfe Gottes und den Schutz der Himmelsmutter.

    Am Sonntag gab es noch einmal einen recht aufregenden Tag. In der Fr├╝h erfuhren wir, da├č wir noch nach N├╝rnberg fahren durften um unserer Frau M. Priorin ÔÇ×LebewohlÔÇť zu sagen, die schon f├╝r einige Wochen dort im Krankenhaus lag. Sie hatte nicht mehr mit unserem Kommen gerechnet und war daher au├čer sich vor Freude. Sie gab uns noch einige Ermahnungen f├╝r die Zukunft und mit Tr├Ąnen in den Augen lie├čen wir sie zur├╝ck.

    In Strahlfeld hatten sich schon alle Schwestern in der Kapelle eingefunden um an unserer Abschiedsfeier teilzunehmen. Doch leider kamen wir mit einer guten halben Stunde Versp├Ątung heim. Jetzt hie├č es von allen Seiten ÔÇ×schnell, schnell in die Kapelle, die warten schon alle so lang auf euch.ÔÇť Ich kam erst richtig zur Ruhe als ich vom Chor das folgende Lied singen h├Ârte:

     

      Stern auf den ich schaue,

      Stab an dem ich geh,

      F├╝hrer dem ich traue,

      Fels auf dem ich steh,

      Brot von dem ich lebe,

      Quell an dem ich ruh,

      Nichts hab ich zu geben,

      Alles Herr bist Du!

     

    Wie schwer fiel es doch unserem hochw. Herrn Spiritual uns jungen Missionarinnen die Aussendungsfeier zu halten. Denn er war selber schon viele Jahre in der Mission t├Ątig und wurde dann von den Kommunisten ausgewiesen. ... Wir erhielten dann den priesterlichen Segen und mit dem folgenden Lied war die kurze aber unverge├čliche Feier beendet.

     

      In das dunkle Meer des Lebens,

      leucht ein heller Stern herein.

      Wer ihm folgt sucht nicht vergebens,

      nur dem Glauben leucht┬┤sein Schein.

      Sch├Ânster Stern oh la├č dich gr├╝├čen,

      bei dem wir geborgen sind.

      Die la├č unser Herz erschlie├čen,

      Mutter mit dem Himmelskind.

     

    Nach einem kurzen Nachtgebet verlie├čen wir unsere uns so liebgewordene Kapelle. In der Buchbinderei warteten die lieben Professschwestern auf uns um uns Lebewohl zu sagen. Als wir ins Noviziat kamen, hatten unsere jungen Schwestern schon alles f├╝r unsere Abschiedsfeier hergerichtet. Mit einem Lied zu unserem hl. Vater Dominikus wurde sie er├Âffnet. Dann das Abschiedsgedicht.

     

      Ja nun ist es wieder einmal soweit,

      zwei junge Schwestern brechen auf zum gro├čen Streit f├╝r Christus,

      da├č sein Reich sich ausbreite auf Erden,

      da├č immer mehr Heiden gl├Ąubige Christen werden.

      Ihr sollt nun wirken im fernen Afrika,

      bitte sagt auch dort zu allem was kommt ein freudiges ÔÇ×jaÔÇť.

      Wir sehen euch nicht gerne scheiden,

      doch das Abschiednehmen l├Ą├čt sich nun einmal nicht vermeiden.

      Doch ist die Trennung nicht ewig, wir bleiben verbunden,

      wird doch durch Gebet und Opfer jede Trennung ├╝berwunden.

      Wenn wir uns auch hier nicht mehr wieder sehn,

      so werden wir doch gemeinsam vor Gottes Antlitz stehn.

      Manche Erinnerung wir euch aber kommen in den Sinn,

      was ihr in Strahlfeld erlebtet mit Verlust und Gewinn.

      Wir wollen eurem Ged├Ąchtnis ein wenig Auffrischung geben

      Und berichten, was wir mit euch taten erleben.

      Schwester Maria Julia ist im Anstreichen ganz gro├č,

      sie bemalte die Betten und Schr├Ąnke mit Farbe famos.

      Diese Kunst wandte sie auch in der K├╝che an, ohne sich zu genieren,

      und tat dort die Torten mit Creme, nicht mit Farbe verzieren.

      Doch die Armen Seelen tut sie f├╝rchten sehr,

      ein Weg durch den dunklen Gang war f├╝r sie viel zu schwer.

      Die Armen Seelen die konnten mich jagen,

      so h├Ârte man sie oft mit Furcht und Zittern klagen.

      Nein, schnell wurde das Licht angemacht,

      wenn man wurde auch herzlich ausgelacht.

      Nach Schwarzbrot suchte oft ihr Sinn,

      so schrieb sie einer Schwester ins Krankenhaus hin.

      Es ist nicht so schlimm, da├č sie noch nicht zur├╝ckgekommen,

      aber da├č ich aufs Schwarzbrot warten muss, das macht mein Herz beklommen.

      Hoffentlich sehen sie die Neger nicht f├╝r Schwarzbrot an,

      dann k├Ânnte schnell beendet sein ihre Lebensbahn.

      Doch zum Schlu├č, eh ihr beginnt die gro├če Fahrt,

      geben wir euch noch folgenden, gute Rat:

      Das macht euch stark: im Kleinen aufrecht gehen,

      und selbst im Kleinsten etwas Gro├čes sehen.

      Und auch das Kleinste voller Liebe tun.

      Das wappnet euch mit gar gewalt┬┤ger Kraft,

      und Segen ruht auf eurer Pilgerschaft,

      und Adel str├Âmt aus eurem ganzen Sein, und h├Ąlt euch rein.

     

    Nach einigen lustigen St├╝ckchen wurde noch das Lied gesungen; Komme was kommen mag, wir sind bereit,... Es war nun schon elf Uhr und es folgte der schmerzlichste Abschied, n├Ąmlich von meinen lieben jungen Mitschwestern, mit denen ich im Ordensleben und Noviziat aufgewachsen war. Doch es musste schnell gemacht werden, denn f├╝r alle wurde es Zeit f├╝r┬┤s Bett.

     

    Aufbruch...

    Am 07.11.1955 morgens um halb sechs Uhr, erklang in unserem Kl├Âsterlein zum letzten mal die Glocke zum Erwachen. Mein Herz war voller Freude und stiller Wehmut zugleich. Unsere lieben Mitschwestern hatten das Gep├Ąck schon in den unteren Gang getragen. Wir zwei gingen zum letzten mal in unsere traute Kapelle um dem hl. Messopfer beizuwohnen. Wir empfingen noch einmal den Leib des Herrn und verlie├čen w├Ąhrend der zweiten hl. Messe gerade bei der hl. Opferung die Kapelle. ÔÇ×Lebe wohl, lieber Heiland! Auch ich will gleich dir auf dem Altare eine Opferhostie sein, nur f├╝r dich und f├╝r den n├Ąchsten zu leben, das sei fortan mein einzig Streben.ÔÇť

    Nach dem Fr├╝hst├╝ck, welches aber nicht recht schmecken wollte, gingen wir hinaus in den Klosterhof. Was war das ein r├╝hrender und tief ergreifender Anblick, als wir in den Hof kamen. Links und rechts vom Eingang hatten sich alle Schwestern und Haushaltungssch├╝lerinnen aufgestellt. Wo ich auch hinschauen mochte, bei allen der gleiche Anblick, Tr├Ąnen ├╝ber Tr├Ąnen. Elisabeth und Toni h├Ątte ich beinahe noch ganz vergessen. Im letzten Moment entdeckte ich sie noch; sie hatten sich beide hinter die Haust├╝re verkrochen. Der Abschied ging schnell, ein letztes Umarmen und nochmals viele Gr├╝├če an Eltern und Geschwister.

    Unser Herr Spiritual erteilte uns noch einmal den priesterlichen Segen und von allen Lippen erklang das Gebet: ÔÇ×Unter deinem Schutz und Schirm..:ÔÇť Wie soll ich die Gef├╝hle in Worten wiedergeben, die mich bei der Abfahrt des Autos durchzogen? So etwas mu├č man selber erlebt und versp├╝rt haben. Schwester M. Venerabilis und Frau M. Meisterin begleiteten uns bis M├╝nchen. Dichter Nebel durchzog das Regental. Doch ungef├Ąhr nach einer Stunde brach die Sonne durch und der Nebel musste vor ihr weichen. Ja, und noch einmal leuchteten uns die bunten Herbstb├Ąume entgegen. Hier und da verirrte sich ein abgefallenes Blatt und der lustige Herbstwind lie├č es bis zu unseren Fenstern des Autos hinauf flattern. Auch es rief uns zu: ÔÇ×Lebet wohl, lebet wohl, wir sehen uns nie mehr wieder.ÔÇť

    Mittags kamen wir dann in M├╝nchen an. Mittagessen hatten wir bei einer Familie Huber. Herr Huber war bei der Bahn angestellt und er hatte schon am Morgen f├╝r uns zwei ein eigenes Abteil bestellt. Um viertel vor zwei Uhr fuhren wir dann zum Bahnhof.

    Ja jetzt wurde es wirklich ernst und wieder einmal standen wir vor einem weiteren Abschiednehmen. Wir z├Ąhlten schon die Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Unsere Vorgesetzten erteilten uns zum letzten mal den m├╝tterlichen Segen. Der Zug setzte sich in Bewegung und unsere Lippen sprachen noch einmal ein herzliches ÔÇ×Vergelt┬┤s GottÔÇť. Ein fester H├Ąndedruck und ein letztes Winken mit dem Taschentuch und dann, ja dann waren wir zwei ganz allein, ganz allein in einem Abteil. Doch nein, f├╝hlten wir nicht gerade in diesem Trennungsschmerz die Gegenwart Gottes. Vernahmen wir in unserem Innern nicht die Stimme: ÔÇ×F├╝rchtet euch nicht, meine Mutter und ich lassen euch keinen Augenblick aus dem Auge.ÔÇť So vertrauten wir uns aufs neue dem Schutz der Himmelsmutter an und bekamen wieder frischen Mut.

    Schnell brauste der Zug dahin. Kurz vor Rosenheim begr├╝├čten uns die ersten Bergketten. Doch die Herrlichkeit dauerte nicht all zu lang, denn um f├╝nf Uhr fing es schon an dunkel zu werden und wir sahen nur hin und wieder die beleuchteten Fenster der kleinen Alpenh├Ąuschen zu uns hernieder winken. Schon kamen wir zu der Grenzstation Kufstein, es kam die Pass- und Zollkontrolle. Der Herr war sehr freundlich und wir kamen ohne den Koffer zu ├Âffnen davon. Um Mitternacht kamen wir in Verona an. Dort hatten wir zwei Stunden Aufenthalt. Nach langem Fragen und Nichtsverstehen brachten wir endlich heraus, da├č unser Zug auf Bahnsteig 4 weiterging nach Venedig. Wir bekamen nur einen Stehplatz und waren m├╝de zum Umfallen. Kurz vor Venedig verlie├čen einige Mitreisende ein Abteil. Ich nutzte die Gelegenheit schnell aus und nach einigen Minuten war ich in tiefsten Schlaf versunken. Pl├Âtzlich vernahm ich wie aus weiter Ferne Sr. M. Herlindes Stimme: ÔÇ×Schwester, kommen sie schnell, wir m├╝ssen noch einmal umsteigen.ÔÇť  Ich rieb mir die Augen, tr├Ąumte ich oder war es Wirklichkeit? Ich wandte mich an die erstbesten Menschen, aber vergeblich, wir konnten ja die italienische Sprache nicht verstehen. Was tun? Ich schlug vor, auf der n├Ąchsten Station wieder umzukehren. Doch damit war Sr. M. Herlinde nicht einverstanden, denn sie gab mir zur Antwort: ÔÇ×Schwester M. Venerabilis und F.M. Meisterin sind jetzt froh, da├č sie uns in M├╝nchen los geworden sind, was werden sie sagen, wenn wir wieder heim kommen.ÔÇť Nachdem wir das Fragen noch einmal gewagt hatten, fanden wir einen Schaffner, der etwas deutsch verstand und uns auf den richtigen Bahnsteig brachte.  

     

    08.11.1955

    Endlich um halb sechs waren wir in Venedig. Wir sa├čen in dem riesengro├čen Bahnhof und warteten darauf abgeholt zu werden. Der Herr vom ÔÇ×Lloyd TriestinoÔÇť traf gegen 09.00 Uhr ein, war sehr nett und sprach zu unserem gro├čen Gl├╝ck auch noch ganz prima deutsch. Da wir nicht auf dem Schiff ├╝bernachten konnten, mussten wir uns zuerst eine Unterkunft suchen. Stra├čen waren nicht zu sehen und so zeigte uns der Herr die Haltestelle eines Dampfers, der uns bis zur Accademica bringen sollte. Bei den Schwestern in der Stefanostr. fanden wir liebevolle Aufnahme. Schwester Oberin tat alles f├╝r uns, damit wir unsere Papiere in Ordnung bekamen. Nebenbei f├╝hrte sie uns durch den verf├╝hrerischen Zauber der wunderbaren Stadt. Die k├Ânigliche Sch├Ânheit Venedigs ist gewirkt aus Licht und Farbe; jedes Geb├Ąude ist ein Lobpreis der Kunst. Eines der gr├Â├čten Kunstwerke ist der Markusdom. Der Platz ist voller Tauben, man braucht nur die Hand auszustrecken, dann kommen sie schon angeflogen. Wie bem├Ąchtigt einen der Anblick der Kirche, die fast nur aus Marmor aller Arten und kleinen Mosaiksteinchen gebaut ist. In der Vorhalle ist das ganze alte Testament und in der Kirche selber das neue Testament, alles auf goldenem Grund und aus den kleinen Steinchen des Mosaik angefertigt. So eine Herrlichkeit kann man einfach nicht mit Worten beschreiben.

    Am Mittag kamen wir dann wieder ├╝berm├╝det and abgespannt bei den guten Schwestern an. Meine F├╝├če wollten mich nicht mehr tragen, denn zwei N├Ąchte ohne Schlaf, das macht sich doch wohl bemerkbar. Sr. Oberin f├╝hrte mich dann in ein Zimmer, welches man schnell f├╝r uns hergerichtet hatte. Ich legte mich mit Stiefeln und Sporen aufs Bett, weil ich nicht l├Ąnger als eine Stunde schlafen durfte, da wir wegen der Papiere noch einmal in die Stadt mussten. Also gute Nacht, heiliger Schutzengel! Was war das? Wieder h├Ârte ich Sr. Maria Herlindes Stimme: ÔÇ×Ja Schwester, haben sie denn nichts geh├Ârt? Jetzt haben wir schon ├╝ber eine halbe Stunde geklopft und gerufen. Vor lauter Angst sie seien gestorben, haben wir nun die T├╝r aufgebrochen.ÔÇť Jetzt kam ich erst richtig zu mir und mit einem Satz stand ich vor dem Bett.

    Wieder machten wir einen Bummel durch die Stadt. Wie waren wir gl├╝cklich, da├č wir schon bei Zeiten ins Bett gehen konnten. Ich schlief wieder so fest, da├č ich in der Fr├╝h das Klopfen ├╝berh├Ârte.

     

    09.11.1955

    Nachdem wir dem heiligen Messopfer beigewohnt hatten und uns in der heiligen Kommunion gest├Ąrkt hatten, traten wir mit dem Heiland vereint den Weg zum Hafen an. Unsere ÔÇ×EuropaÔÇť stand schon reisefertig. Mir blieb vor Staunen die Sprache weg. Zuerst sahen wir uns unser neues Heim ein wenig n├Ąher an, dann ging es noch einmal zur├╝ck an Land. Eine gro├če Volksmenge war am Hafen zusammen gekommen, um sich die Abfahrt unseres Schiffes anzusehen. Unter ihnen waren auch sieben deutsche Schwestern, von denen wir schon bald begr├╝├čt wurden. Es waren vier Mallersdorfer und 3 Oberzeller Schwestern. Priester waren auch hin und wieder zu sehen.

     

    Schwester Oberin hatte zwei von ihren jungen Schwestern die Freude bereitet, sich unser Schiff auch einmal n├Ąher anschauen zu d├╝rfen. Mit ihnen gingen wir nun durch das ganze Schiff. Der Zeiger der Uhr r├╝ckte immer n├Ąher auf halb zwei Uhr zu und nun noch einmal ein Abschied nehmen von den guten Schwestern, die so viel f├╝r uns getan hatten. Die zwei jungen Schwestern konnten ihre Tr├Ąnen nicht zur├╝ckhalten, denn sie waren ja auch mit dem Gedanken ins Kloster gegangen , um Missikonsschwestern zu werden. Doch nun mussten sie in der Heimat bleiben und da ihre Mission erf├╝llen. Wir verabschiedeten uns unten beim Eingang des Schiffes. Sagten nochmals f├╝r alles Vergelt┬┤s Gott und auf ein frohes Wiedersehn im Himmel, dann eilten wir zwei auf Deck. Wir zogen wieder das Taschentuch aus dem Unterrock hervor und winkten so lange, bis eine Stra├čenbiegung die drei aufnahm.

    Wieder begann es zu regnen, doch wir bemerkten es kaum. Unsere Gedanken waren weit, weit weg und unsere Blicke verloren sich in der gro├čen Wasserfl├Ąche, welche sich vor uns ausbreitete. Dann wurde unsere Europa lebendig. Die Taue wurden gel├Âst, ein Krachen und aufsch├Ąumendes Wasser und langsam, ganz langsam entfernten wir uns dem Land. Die Menschen die wir zur├╝cklie├čen winkten uns noch lange nach. Bald sahen wir nur noch einige T├╝rme von Venedig und vor uns lag der hellgr├╝ne Meeresspiegel.

    Wir zogen uns in die Kabine zur├╝ck. Aber oh Schreck, wieder eine neue ├ťberraschung. Wer hatte sich denn dort in unserer Kabine eingenistet? Auf dem Bett lag eine rote Jacke und lauter weltliche, moderne Sachen. Wir bef├╝rchteten mit einer Italienerin unsere Kabine teilen zu m├╝ssen. Doch verlief diese Aufregung viel besser, als wir es uns gedacht hatten. Als wir nach dem Abendtisch in unsere Klause zur├╝ck kamen, war die Dame gerade dabei, ihre Sachen auszupacken. Sie empfing uns mit den folgenden Worten: ÔÇ×Ach bin ich froh, dass ich mit euch in der Kabine sein kann. Ich bin die Schwester von Sr. Mary Clemens und fahre nun f├╝r 1 Jahr zu ihr.ÔÇť

     

    10.11.1955

    In der Nacht schlief ich ausgezeichnet. Eine Wiege brauchte ich nicht zum Einschaukeln, denn das besorgte unser Schiff schon. In der Fr├╝h wohnten wir in der Nebenkabine zwei hl. Messen bei und empfingen auch den Leib des Herrn. Nach dem Fr├╝hst├╝ck, bei dem wir zwei Spiegeleier, Schinken und noch andere gute Sachen verspeisten, begaben wir uns auf Deck. Kurz vor Mittag tauchten im Osten die Berge von Griechenland auf. Wir brauchten einige Stunden, bis das letzte St├╝ckchen Land zur├╝ck blieb. Um halb eins Uhr passierten wir die Insel Kreta. Gewaltige aschgraue Berge blickten zu uns her├╝ber. Hier und da sahen wir einzelne D├Ârfer und H├Ąuser. Jedoch nie Wald oder auch nur einen Baum. Meiner Ansicht nach haben die Bewohner dort ein sehr hartes Leben.

     

    12.11.1955

    Der letzte Tag der Woche fing schon gut an. Wir wollten zur hl. Messe unser Officiumbuch mitnehmen. Doch vergebens stellten wir die ganze Kabine auf den Kopf. Sr. Maria Herlinde war sich ganz sicher, da├č sie dieselben am Abend vorher in die Kabine getragen hatte. Nun gut, so blieb uns nichts anderes ├╝brig, als nach der hl. Messe mit dem Suchen weiterzufahren. Bei der hl. Messe kam mir schon der Gedanke ÔÇô sollte Schwester die B├╝cher wohl in die falsche Kabine getragen haben. So war es denn auch, nach vielem hin und her hatten wir unser Vermisstes bald wieder zur├╝ck.

    Gegen vier Uhr fuhr unser Schiff in den Hafen von Port-Said ein. Im Nu war unser Schiff von acht kleinen Booten umgeben von wo aus uns die ├ägypter und Araber ihre Waren feilboten. Es war ein buntes und m├Ąrchenhaftes Bild. Sie verkauften haupts├Ąchlich handgemachte und sehr kunstvolle Lederprodukte, Teppiche, Strohh├╝te und S├╝dfr├╝chte. Das war ein Handel und Geschrei in allen Sprachen. An Land gingen wir jedoch nicht, weil es schon anfing zu d├Ąmmern.

    In Port-Said kam uns richtig zum Bewusstsein, dass wir ganz fern der lieben Heimat waren.

    Mir wurde ganz komisch zu Mute als ich die schwarzen und braunen Araber sah, die mit wei├čen und hellgestreiften Kitteln bekleidet waren und den Kopf mit einem Turban bedeckt hatten. Frauen bekamen wir ganz selten zu sehen. Eine lag uns gegen├╝ber auf dem Rasen. Sie war ganz schwarz gekleidet und verschleiert.

    Die Stra├čen dort sind breit und auf beiden Seiten mit Palmen einges├Ąumt. Sch├Âne gro├če H├Ąuser mit flachen D├Ąchern, Balkons und h├╝bschen Vorg├Ąrten, in denen die Blumen in allen Farben bl├╝hen.

    Die Hauptverkehrsmittel sind die Eselkarren, aber auch sch├Âne moderne Autos. An dem Abend gingen wir sp├Ąt zu Bett. Ja, gute Nacht lieber Heiland und segne auch alle unsere Lieben in der Heimat! Ich hatte in der Nacht nichts geh├Ârt als unsere schwimmende Heimat sich in Bewegung gesetzt hatte. Sie fuhr so still, man vernahm kein Rauschen der Wogen oder rasseln der Ketten.

     

    13.11.1955

    Als ich am Morgen durch unser kleines Kabinenfenster schaute, sah ich eine ├Âde Sandw├╝ste. Am liebsten w├Ąre ich gleich aufs Deck geeilt, doch zuerst mussten wir ja unsere Pflicht erf├╝llen. Mit dem Fr├╝hst├╝ck ging es heute schnell, den um 8 Uhr hatten wir ein feierliches Hochamt im Aufenthaltsraum. Wir sangen die achte Choralmesse worin auch die wenigen Italiener mit einstimmten.

    Ja, bei uns Schwestern war der Sonntagsfriede in die Seelen eingezogen, denn wir hatten mal wieder nach langer Zeit ein sch├Ânes feierliches Hochamt. Doch wie waren wir ersch├╝ttert als wir nachher auf Deck kamen, um uns das Land und Leben der Araber etwas n├Ąher zu besehen. Da arbeiteten die M├Ąnner und Buben mit Hacke und Schaufel an einer dem Suezkanal entlangf├╝hrenden Stra├če, die der Wind ganz mit W├╝stensand zugedeckt hatte. Mir taten die Menschen leid. Sie wussten sicherlich noch nichts von einem Gott der den Menschen das Gebot gegeben hat: sechs Tage sollt ihr arbeiten, am siebten aber ruhen! War zu ihnen noch kein Missionar gekommen, der den dichten Schleier des Heidentums von den Seelen weggenommen hatte? Diese Menschen waren nicht nur arm an der Seele, auch die leibliche Not wohnte bei ihnen als st├Ąndiger Gast. Ihre Wohnungen waren ├Ąrmliche und oft schon ganz verfallene Lehmh├╝tten. Einige hausten auch  nur in Sandh├Âhlen. Ihren Mittagsschlaf hielten sie im hei├čen gelben W├╝stensand. Wir hatten an dem Tage 30┬░ im Schatten. Hier und da sah man mit Mais angebaute Felder, die meistens mit hohen Palmen umgeben waren. Sie hielten die schreckliche Sonnenglut (etwas) zur├╝ck und machten so das Arbeiten etwas ertr├Ąglicher. In dieser Gegend sahen wir auch die ersten Kamele und eine Art von B├╝ffel.

    Am Nachmittag kamen wir im Hafen von Suez an. Wir mussten mit der Weiterfahrt noch einige Stunden warten, da sechs andere Schiffe das Vorfahrtsrecht hatten. Wir Schwestern hatten uns wieder auf dem luftigen Deck eingefunden, um den Rosenkranz zu beten. Gegen halb sechs Uhr erlebten wir einen unbeschreiblich sch├Ânen Sonnenuntergang. Die Berge und das Meer glichen einem gro├čen Feuerbrand. Keiner von uns wagte diese feierliche Stille zu brechen. Ja, o Gott, wie gro├č bist du, wie sch├Ân ist deine Welt! Wir lie├čen unsere sch├Ânen Heimatlieder weit ├╝bers Meer erklingen, bis der letzte rote Schimmer der sinkenden Sonne verschwunden war. Das Abendessen schmeckte heute besonders gut. Die Italienerin, welche bei uns am Tisch sa├č meinte es manchmal zu gut mit uns. Im Handumdrehen hatte sie mir ein gro├čes Glas Wein eingeschenkt, welches ich auch anstandshalber trank. Doch beim Aufstehen merkte ich schon die Folgen. Mir war es, als wenn das Meer inzwischen sehr unruhig geworden w├Ąre, denn ich sp├╝rte fast keinen Boden mehr unter den F├╝├čen. Aufgefallen bin  ich aber nicht, denn ich sah zu meinem Gl├╝ck die Menschen und Dinge noch einfach. Doch habe ich mich dann gleich in den Backofen verkrochen.

     

    14.11.1955

    In aller Fr├╝h war ich schon m├╝der und abgespannter wie sonst vom Arbeiten und Rennen. Fast unertr├Ąglich war die dr├╝ckende Hitze in der engen Kabine wo wir dem hl. Me├čopfer beiwohnten. Doch ich legte dieses Opfer mit auf die Opferpatene f├╝r diejenigen, welche zu der Zeit fast nackt auf dem Deck herumliefen. Am Nachmittag ert├Ânte die Alarmglocke. Alle Passagiere, ob gro├č oder klein mussten auf dem Deck der 1. Klasse mit der Schwimmweste erscheinen. Trotz der ernsten Sache war es uns Schwestern recht l├Ącherlich zumute. Wir nahmen das Ding vorerst nur unter den Arm und gingen den anderen Leuten nach.. Oben angekommen gab man den Befehl die Schwimmwestern anzuziehen. Dieses Bild h├Ąttet ihr sehen sollen. Wir sahen fast so aus wie die M├Ąuse, wenn sie aus dem Loch herausgucken. Am sch├Ânsten war Sr. Maria Herlinde; da sah man bald vor lauter Weste keine Schwester mehr.

     

    15.11.1955

    Nach einem sch├Ânen Schwitzbad waren wir sehr froh, da├č wir und nach der hl. Messe aufs Deck begeben konnten. Heute wurde allen deutschen Schwestern die Freude bereitet das Schiff bis ins Kleinste kennen zu lernen. Ein sehr feiner Herr von der Schiffsgesellschaft erkl├Ąrte uns alles in gebrochenem Deutsch. Als wir zur Spitze des Schiffes kamen, wo der Kapit├Ąn seinen Sitz hat sagte er: ÔÇ×Jetzt kommen wir auf das  Kopf von dem Schiff.ÔÇť In der K├╝che bekam jede von uns ein St├╝ckchen Geb├Ąck. Dann ging es wieder durch die langen G├Ąnge und jeden Raum der 1. Klasse. Die Gr├Â├če und Einrichtung k├Ânnt ihr euch nicht vorstellen.

     

    16.11.1955

    Wieder dankten wir dem Heiland mit einem Magnificat f├╝r die verflossene Nacht. Als wir auf Deck kamen sahen wir die ersten Vorboten des nahenden Landes ÔÇô die M├Âwen. Dann erblickten wie die gelbe Sandw├╝ste aus der wuchtige kahle Felsen und Berge bis ins Meer hinein wuchsen. In dieser trostlosen und unfruchtbaren Gegend lag der Hafen von Aden. Die eigentliche Stadt liegt 20-25 km in den Bergen. Von einigen Passagieren erfuhren wir, dass es dort schon 4 Jahre nicht mehr geregnet hat. An Land gingen wir nicht. Wir konnten auch vom Schiff aus viel Interessantes sehen. Es zeigte sich auch hier das bunte Bild wie in Port-Said. Hier sahen wie auch die ersten richtigen Neger die bis zu uns aufs Schiff kamen um ihre Sachen zu verkaufen. Gegen sechs Uhr zog sich der Himmel mit ganz dunklen Wolken zu und das Meer wurde recht lebhaft. Wir bef├╝rchteten f├╝r die Nacht einen richtigen Sturm, auf den ich schon so lange gewartet hatte. Fr├╝her wie sonst suchten wir unser bett auf. Als wir am n├Ąchsten Morgen erwachten haben wir uns gro├č angeschaut, denn wie hatten nichts vom Abfahren der Europa gemerkt noch vom bef├╝rchteten Sturm.

     

    17. und 18.11.1955

    Zwei Tage lang sahen wir nur Himmel und Wasser. Dann und wann erblickten wir in der Ferne einen gelben Streifen der unendlich  gro├čen Sandw├╝ste. An den Tagen hielt ich erstmals Ausschau nach Fischen oder ich bewunderte das lustige Wellenspiel. Vor allen Dingen bemerkte ich einen Unterschied in der Meeresfarbe, In Venedig war das Wasser gr├╝n und hier fast dunkel blau. Die Sonne meinte es fast zu gut mit uns. Der Schwei├č tropfte uns nur so von der Stirn vom vielen Nichtstun. Ich stand an der Reling und schaute gedankenlos ins Meer. Da entdeckte ich nicht weit von unserem Schiff eine wei├če Rauchwolke. Da ich nicht wu├čte, was das f├╝r ein Seeungeheuer sein konnte, fragte ich die n├Ąchststehenden Menschen. Alle waren der Meinung, da├č es nur ein Walfisch war. Am anderen Tag in der Fr├╝h entdeckte ich eine ganze Anzahl fliegender Fische.

    Am Nachmittag hatten wir ein Kinderfest im Aufenthaltsraum, zu dem auch wir Schwestern eingeladen wurden. Als wir am Abend auf Deck waren wurde durch Lautsprecher bekannt gegeben, da├č wir in einigen Minuten unser Schwesterschiff die ÔÇ×AFRIKAÔÇť passieren w├╝rden, Wir eilten schnell auf Deck der 1. Klasse und schon sahen wir sie in der Ferne gleich einem kleinen Dampfer. Unser Schiff begr├╝├čte sie zuerst mit lautem Hupen, welches die Afrika sogleich erwiederte. War das ein Winken und schreien, als wir ziemlich nah aneinader vorbei fuhren. Umsteigen war nicht m├Âglich, daf├╝r war die Entfernung doch etwas zu gro├č. Doch ganze Tonnen Gr├╝├če haben wir mit ihr in die unverge├čliche liebe Heimat geschickt.

     

    19.11.1955

    Sehr unruhig und fast schlaflos war die Nacht von Freitag auf Samstag, denn die Hitze qu├Ąlt mich ohne Erbarmen. Gegen elf Uhr sollten wir in Mogadischu ankommen. Doch wie waren wir erstaunt, als wir nach dem Fr├╝hst├╝ck auf Deck kamen und die Stadt in einem trostlosen Anblick vor uns lag. Aus dem gelben Sand ragten wei├če H├Ąuser mit flachen D├Ąchern empor. Einzelne Palmen wiegten sich in dem sanften Wind, der vom Meer zu ihnen her├╝ber wehte. Fast unertr├Ąglich war die Hitze, aber trotzdem dr├Ąngte es uns hinaus aufs Land. Unser Schiff stand ziemlich weit vom Hafen und es gab keine andere M├Âglichkeit als mit einem Dampfer hin├╝ber zu fahren. Wir schlossen uns den Oberzeller Schwestern und einigen Priestern an. Als wir auf Deck kamen, bot sich uns ein lustiger Anblick. Gerade wurden in einem F├Ârderkorb die Passagiere in das unten stehende Boot gelassen. War das ein Gel├Ąchter, als wir f├╝nf Schwestern mit unseren langen Habiten einsteigen mussten. Ein Ruck, und wir schwebten zwischen Himmel und Wasser. Unten wurden wir von Negern in Empfang genommen. Das kleine Boot schaukelte ganz schrecklich. Fast sah es so aus, als wenn ich einen Sprung ins Meer machen wollte. Das sah zuf├Ąllig ein Neger, der schnell nach meinem Arm griff und mir einen sicheren Platz im Boot anwies. Ich war furchtbar erschrocken und warf einen schnellen Blick auf meinen Arm um festzustellen, ob der Neger auch nicht abgef├Ąrbt hatte.

    Zuerst suchten wir eine katholische Kirche auf. Wir f├╝hlten uns wie ins Paradies versetzt, weil wir in dem k├╝hlen Gotteshaus vor dem Tabernakel knien konnte. Kaum hatte ich dem Heiland meinen Wunsch gesagt: ÔÇ×Heiland, ich habe doch so einen Durst, bitte bring uns doch etwas zu trinken...ÔÇť kam eine italienische Schwester und bot uns einen k├╝hlen Raum an. Es dauerte nicht lang, da brachte uns ein Negerm├Ądchen mein Gew├╝nschtes. Weiter ging unsere Wanderschaft zu einem Negerviertel. Zuerst kamen wir auf einen gro├čen Platz, wo Kamele getr├Ąnkt wurden. Wir mussten nun mitten durch diese schrecklich stinkenden Viecher. Mir lief es kalt ├╝ber den R├╝cken als eines der Kamele den Kopf nach mir ausstreckte.

    Als wir die ersten H├╝tten erreicht hatten, hatten wir im Nu ein Gefolge vor 70-100 gro├čen und kleinen Negern hinter uns. Die Kinder machten ein Geschrei und rissen uns fast die Kleider vom Leibe. Die Priester waren nicht damit zufrieden, die mit Stroh bedeckten H├╝tten nur von au├čen zu sehen, sondern gingen in die erst beste hinein. Wir nat├╝rlich immer hinter her. Wir zogen unseren Kopf ein und schon befanden wir uns in einem Raum, der gleichzeitig als K├╝che, Schlafzimmer und Werkstatt diente. Weiter ging es nun durch die engen und schlecht duftenden Gassen. Unsere Begleitung wurde immer gr├Â├čer. Als wir dem Innern der Stadt n├Ąher kamen verlie├čen uns die Neger und wir konnten ungeniert unseren Weg weiterf├╝hren. Eine Kathedrale war die n├Ąchste Besichtigung. War das eine Erleichterung f├╝r uns, als wir in den ruhigen und k├╝hlen Hallen ein wenig rasten konnten.

    Als wir zu unserer schwimmenden Heimat zur├╝ckkamen, fing das lustige Schauspiel wieder von Vorne an. Eins, zwei, drei ging es in den dreckigen F├Ârderkorb hinein . Ich wurde von den umstehenden Passagieren angestiert, als wenn sie mich noch nie gesehen h├Ątten. Meine Frage warum war gel├Âst, als ich einen Blick in den Spiegel warf. Ich kam mir so vor, als wenn ich einem Indianer gegen├╝ber gestanden w├Ąre. Die afrikanische Sonne hatte mich an diesem Tag t├╝chtig eingeweiht.

     

     21. und 22.11.1955

    Schon in aller fr├╝h hatte unsere Europa in Mombasa die Anker geworfen. Wegen der bevorstehenden Mittagshitze machten wir uns gleich nach dem Fr├╝hst├╝ck auf Wanderschaft. Hier sah es schon ganz anders aus als in Mogadischu. Die hellen H├Ąuser waren mit Palmen und anderem gr├╝nen Buschwerk umgeben. Alle gr├╝nte, bl├╝hte und prangte in den verschiedensten Farben. Schwalben und andere Singv├Âgel flogen umher und sangen uns ihr erstes Morgenlied. Die Hitze wurde immer gr├Â├čer und wir waren noch nicht an unserem geplanten Ziel, der Missionsstation angekommen. Im Negerviertel angekommen, steckten auch hier gro├č  und klein die K├Âpfe aus Fenstern und T├╝ren um uns 15 an der Zahl zu sehen. Viele Kinder begleiteten uns bis zur Missionsstation. Zum Gl├╝ck hatte ich heute meine Unterrocktasche voll S├╝├čigkeiten gesteckt und konnte daher manchem Krausk├Âpfchen eine gro├če Freude machen. Die gastfreundlichen Paters hatten viel Arbeit um uns ausgetrocknete Gesch├Âpfe wieder ein wenig aufzufrischen. Wie besichtigten die ganz einfach eingerichtete Schule und Kapelle. Machten Aufnahmen mit den kleinen Nergerlein, welche vor Angst entsetzlich an zu schreien fingen.

    Es wurde nun h├Âchste Zeit, da├č wir unser Schiff wieder aufsuchten. Ein Negerbub brachte uns zum n├Ąchsten Omnibus, mit dem wir bis kurz vor den Hafen fahren konnten. Mit einer halben Stunde Versp├Ątung kamen mit zum Abendessen. Obwohl wir ganz abgespannt waren, gingen wir erst nach zehn Uhr ins Bett. Vor allem wurde noch lange diskutiert und ├╝berlegt, wie der kommende Tag am besten einzuteilen war, denn unser Schiff blieb noch bis vier Uhr Nachmittags im Hafen. Gute Nacht zusammen, um viertel vor sechs treffen wir uns auf dem Deck. Es wurde 12, 1 und 2 Uhr und immer noch lag ich schlaflos und schwei├čgebadet in meinem Backofen. Kaum war ich eingeschlafen, da l├Ąutete auch schon der Wecker. Ich wei├č nicht, wie ich an diesem Morgen die H├╝hnerleiter aus meiner Koje heruntergekommen bin. Ich war noch nicht ganz fertig mit dem Ankleiden, als es auch schon an unserer Kabinent├╝r klopfte. Wir hatten heute das Gl├╝ck, in unserer Kabine eine heilige Messe zu haben. Mit dem Heiland vereint zogen wir punkt viertel vor sechs Uhr los. Es war ein angenehmes Wandern und wir lie├čen unsere Lieder durch die noch schlafende Natur erschallen. Zwei Stunden waren wir nun schon umhergeirrt, aber immer noch nicht an unserem ausgemachtem Ziel, dem Urwald angelangt. Vom Schiff aus sah die Entfernung gar nicht so gro├č aus und nun mu├čten wir manche Entt├Ąuschung erleben. Zwei mal ging der Weg nicht mehr weiter und wir mu├čten wieder kehrt machen und uns einen anderen suchen.

    Zum Schlu├č trippelten wir den Bahngeleisen nach und so gelangten wir auf eine Hauptstra├če. Wir gingen noch eine gute Stunde auf derselben und standen dann vor einer Bierbrauerei. Die kam uns gerade wie gerufen, denn die Zunge klebte uns unter dem Gaumen. Wir gingen also hinein und ein sehr netter Herr f├╝hrte uns durch s├Ąmtliche R├Ąume und erkl├Ąrte uns alles in Englisch. Dreihundert Neger und neun wei├če waren hier besch├Ąftigt. Es ging mit dem Aufzug rauf und runter und der nette Herr begleitete uns bis zum Hofausgang und zeigte uns den Weg bis zum n├Ąchsten Negerkral. Wir waren etwas entt├Ąuscht ├╝ber seine N├Ąchstenliebe und gelobten, nie von der Firma Bier zu kaufen. Etwa nach 200 m kamen wir zu den ersten Verkaufsl├Ąden der Halbschwarzen. Wir kauften uns eine Coca Cola und bogen dann von der Hauptstra├če ab in einen Palmenwald. Bald hatten wir ein kleines Negerdorf erreicht. Frauen und Buben kehrten mit einem Reisigbesen die Stuben der Lehmh├╝tten aus. Die M├Ąnner sa├čen vor der H├╝tte im Schatten und fertigten Schuhe und Kleider an. Wir gingen auch hier in eine der H├╝tten hinein und bald waren wir von einer gro├čen Schar Negern umgeben. Wegen der schlechten Luft und der vielen Fliegen ging ich aber gleich wieder hinaus ins Freie. Ich besch├Ąftigte mich nun damit, an die Frauen und kleinen Schokoladenkinder S├╝├čigkeiten auszuteilen. Sofort hatte ich dadurch das Vertrauen der Kleinen gewonnen und bald darauf hatte ich zum ersten mal eines von ihnen auf dem Arm. Als die Priester sahen, wie mich die Neger umgaben und wie ich mich mit ihnen durch Zeichen geben unterhielt, wurden gleich wieder Aufnahmen gemacht. Mittags kamen wir dann wieder bei unserem Schiff an. Mit drei Stunden Versp├Ątung verlie├čen wir den Hafen von Mombasa.

     

    23.11.1955

    Obwohl an diesem Tag nur Himmel und Wasser zu sehen waren, ist dieser Tag doch unverge├člich f├╝r mich. Wir hatten uns schon fr├╝h in den Backofen verkrochen. Doch als um 10 Uhr Frl. Rosa in die Kabine kam, lag ich noch wach. Sie schaute in mein Bett und fragte: ÔÇ×Schwester, haben sie noch Hunger? Ich habe noch Schwarzbrot und Butter, welches ich extra f├╝r sie aufgehoben habe. Morgen mu├č ich diese Kabine verlassen, da passt es noch gut zum Abschied.ÔÇť Ich konnte es kaum glauben und doch war es Wirklichkeit: ich hielt in jeder Hand mein Lieblingsbrot und lie├č es mir gut schmecken.

     

    24.11.1955

    Wieder stand unser Schiff still, als wir am Morgen erwachten. Gegen sechs Uhr waren wir in Daressalam angekommen. Heute hatten wir nicht vor an Land zu gehen, denn wir waren noch zu kaputt von den Anstrengungen der letzten Tage. Doch nachdem die anderen Schwestern entgegen ihrer Ank├╝ndigung loszogen, konnten wir zwei keine Ausnahme machen. Vor allen Dingen begleiteten wir noch die zwei Priester und einen Bruder, die in Daressalam schon aussteigen mu├čten. Wieder wurde unsere Seele bei diesem Abschied mit einem Tropfen Bitterkeit getr├Ąnkt. Selten habe ich solche feinen und gro├čherzigen Seelen angetroffen wie diese. Doch es wurde schnell gemacht. Die Priester wurden mit einem Auto abgeholt und f├╝r uns Schwestern wurde es auch Zeit, da wir uns die Sch├Ânheiten der Stadt ansehen wollten. Kaum hatten wir den Hafen einige Meter hinter uns gelassen, als wir von einer Frau angesprochen wurden, die drei Schwestern von uns zu einer Autotour durch die Stadt einlud. Es wurden die drei Oberzeller Schwestern vorgeschlagen. Doch da eine ÔÇ×KleineÔÇť noch gut Platz hatte, durfte Sr. Mary Herlinde noch reinschlupfen. Ich machte dann mit Frl. Rosa und einem deutschen Lehrer einen Bummel durch die Stadt. Das einzig sch├Âne was wir hier sahen, war ein Museum. Es stellte haupts├Ąchlich die ersten Kleider, Waffen und Arbeitsger├Ąte der Schwarzen aus. Um vier Uhr verlie├č die Europa den Hafen von Daressalam.

     

    25. und 26.11.1955

    F├╝r zwei weitere Tage sollten wir nun wieder nur Himmel und Wasser sehen. Wohl sahen wir in der Ferne einen schmalen Streifen der K├╝ste und hin und wieder begegnete uns ein kleines Schiff oder ein Dampfer. Doch an Arbeit fehlte es uns nicht. Wir hielten noch gro├če W├Ąsche und packten unsere Siebensachen zusammen. Ja, in zwei Tagen konnten wir sagen: wir sind am Ziel. Am 26. war das Meer ziemlich unruhig und ich war nicht mehr weit weg von der Seekrankheit entfernt. In der Kabine konnte ich es nicht aushalten. Daher begab ich mich aufs Deck und lie├č mir den k├╝hlen Abendwind um die Nase wehen. Schwester Maria Herlinde war auch nicht arg gespr├Ąchig und ich rechnete damit, da├č sie zur Abwechslung mal wieder die Fische f├╝ttern wollte. Es war nun schon dunkel und unsere Europa fuhr so langsam, als wenn sie in einen Hafen eingefahren w├Ąre. Doch das konnte nicht gut sein, da wir ja erst am Morgen in Beira ankommen sollten. Aber wie fingen wir an zu zittern und wie verging die Seekrankheit als wir die nahestehenden Menschen sagen h├Ârten: ÔÇ×Wir sind nur noch ein wenig vom Hafen entfernt.ÔÇť Wenn uns unser Leben nicht gereut h├Ątte, h├Ątten wir unseren ersten Schwimmversuch gemacht. Wir konnten den Morgen kaum erwarten. Die Nacht verbrachte ich fast schlaflos.

     

    27.11.1955

    Heute ging ich schon vor der heiligen Messe auf Deck. Ja wirklich, da lag der Hafen und die Stadt vor uns, eingeh├╝llt in den Glanz der aufgehenden Sonne. Nach dem Fr├╝hst├╝ck begaben wir uns in Begleitung der Oberzeller- und Mallersdorfer Schwestern auf die 1. Klasse. Da unser Schiff ziemlich weit vom eigentlichen Hafen entfernt die Anker geworfen hatte, mu├čten wir geduldig warten, bis ein Dampfer kam um uns hin├╝ber zu fahren. Ich sah schon im Geiste Mutter de Mercede, welche uns ja abholen wollte. Zwei Stunden hatten wir nun schon gewartet, und immer kamen erst die anderen an die Reihe. Mir verging fast die Geduld. Doch was war das, sah ich recht? Da dr├Ąngten sich durch die Volksmenge zwei Schwestern von unserem Orden. Wirklich, schon wurden wir begr├╝├čt, es waren Frau Mutter Priorin und Mutter de Mercede.

    Ja, jetzt haben wir das Ziel erreicht, da Ziel unserer Reise. Aber vor uns liegt ein neuer Anfang, eine neue Aufgabe welche ist: Arbeiten im Weinberg des Herrn, mithelfen an der Rettung unsterblicher Seelen.

     

    Ich bitte jeden Leser um ein ÔÇ×AveÔÇť f├╝r mich und unsere Missionen, vergelt┬┤s Gott.

     

    Sr. Mary Julia O.P.